Eine bewegende Veranstaltung am Lessing: Philipp Hedemann liest aus „Die Flüchtlingsrevolution“

    20161206_140413Ein Beitrag von Frau Schliffke vom Förderverein des Lessing- Gymnasiums

    65 Millionen Frauen, Männer und Kinder sind derzeit weltweit auf der Flucht. 86 Prozent von ihnen finden Aufnahme in Entwicklungsländern. Tausende ertrinken im Mittelmeer auf dem Weg in ein besseres und friedlicheres Leben.

    Gesichter hinter diesen Zahlen sichtbar machen, das ist ein Ziel des Buches „Die Flüchtlingsrevolution“. Die Autorinnen und Autoren sind Auslandskorrespondentinnen und -korrespondenten, die sich unter dem Netzwerk weltreporter.net zusammengeschlossen haben. „Uns eint alle“, schreibt der Herausgeber Marc Engelhardt, „dass wir seit vielen Jahren jenseits der alten und in einer neuen Heimat leben, aus der wir berichten. Wie viele von uns, habe auch ich noch ein Standbein in Deutschland.“

    Einer der Autoren dieses sehr lesenswerten Buches mit Schicksalen geflüchteter Menschen aus und in aller Welt kam zur Lesung in unsere Schule. Philipp Hedemann kam jedoch nicht allein, er brachte Ameena Abdulrahman mit – eine Englischlehrerin aus al-Hasaka. Die beiden hatten sich kennengelernt, als Ameena zusammen mit ihren zwei jüngsten Kindern das Schlauchboot verließ, das sie aus der Türkei nach Griechenland brachte. Übers Mittelmeer. Lebend. Es gibt ein Foto davon, das Hedemann von ihnen am Strand von Kos gemacht hat. Erleichtert, fröhlich werfen sie ihre Schwimmwesten weg.

    Der Journalist blieb mit Ameena während ihrer weiteren Reise in Kontakt. Als die Idee zu dem Buch 20161206_142456reifte, bat Philipp Hedemann Ameena, ihm ein paar Zeilen über ihre Flucht und ihr Leben davor zu schicken. Er übersetzte die handschriftlichen Notizen aus dem Englischen ins Deutsche. Das ist jetzt der Prolog des Buches, aus dem die Ameena im Musikraum vorlas. „Ich bin Syrerin und Mutter von vier Kindern. Das war meine Wahl: Bleiben wir in Syrien, werden meine Kinder und ich vielleicht von einer Bombe getötet. Fliehen wir, ertrinken wir vielleicht im Mittelmeer. Im Herbst 2015 musste ich die die schlimmste Entscheidung meines Lebens treffen.“

    Das Geld reichte nicht für alle, deshalb beschlossen die Eltern, dass Ameenas Mann mit den beiden Ältesten zuerst Syrien verlässt. Als klar war, dass es mit der offiziellen Familienzusammenführung mehr als ein Jahr dauern könnte, machte sich Ameena mit ihren beiden jüngsten Töchtern auch auf den Weg. Sie schafften es bis zum Strand in der Nähe des türkischen Badeortes Bodrum. „Das Schlauchboot war viel, viel kleiner, als versprochen, und die Schleuser wollten 18 Menschen hineinpferchen. „Ich steige mit meinen Kindern nicht in dieses Boot!“, schrie ich. Doch meine Töchter flehten mich an: „Mama, lass uns 20161206_144238gehen. Wir wollen endlich Papa, Ritaj und Mohamed wiedersehen. Wir versprechen Dir auch, dass wir nicht sterben.“ Ich versuchte, ihnen zu erklären, dass das Boot zu klein und die Überfahrt zu gefährlich sei. Aber sie weinten nur und hörten mir nicht zu. Schließlich stiegen wir ins Boot. Ich wusste, dass es ein Fehler war. Ich küsste meine Kinder, dann legten wir ab.“ Erst beim zweiten Versuch kamen sie am gegenüberliegenden Strand auf der Insel Kos an.

    Diese unfassbare Geschichte machte Ameena fassbar, weil sie ihre Erlebnisse auf der Bühne neben dem Journalisten sitzend erzählte. Die rund 60 Interessierten, unter ihnen sehr viele Schülerinnen und Schüler, hörten ergriffen und teilnahmsvoll zu. Eingeladen zu dieser bewegenden Lesung hatte die Fachschaft Sozialwissenschaften unter der Federführung von Christa Kohn zusammen mit dem Förderverein unserer Schule. Der Musiklehrer B. Dorok sorgte für musikalische Zäsuren an der Gitarre mit Stücken von Bob Marley und dem Song „Willkommen in Deutschland“ von den Toten Hosen.fl

    Wer das Buch „Die Flüchtlingsrevolution“ lesen möchte, kann sich gerne an Christa Kohn wenden. Marc Engelhardt (Hrsg.): Die Flüchtlingsrevolution. Wie die neue Völkerwanderung die ganze Welt verändert, Pantheon Verlag 2016, 16,99 Euro.